Mark Twain reiste nicht, er bummelte, leider – Geschichten aus dem Dom

Ungeplanter Muttertag im Dom: Während die eine gerade zum Glauben findet, ist die andere davon abgefallen – und ich mittendrin, zwischen stiller Hoffnung und dummen Witzen.

Bild zeigt die Vorderseite des Buchs Bummel durch Deutschland von Mark Twain, das die Autorin im Dom zu St. Blasien gekauft hat.
Das Buch von Mark Twain wurde im Dom verkauft.

Mark Twain, oder wie er eigentlich heisst, Samuel Langhorne Clemens, wurde geboren in Florida. Das habe ich heute erfahren, dank unserem Besuch im riesigen Dom in St. Blasien in Deutschland, weil dort drin Bücher verkauft werden... zwischen Kerzen, Altären, und der Hoffnung, dass Gott vielleicht doch nochmal ein bisschen Gnade für meine Mutter übrig hat, aber fangen wir vorne an.

Eigentlich wollten wir ja heute Muttertag feiern. Nicht einfach so, sondern als grosse Familienzusammenkunft bei der verlassenen Frau meines Bruders (ja, das ist ein anderes Kapitel), mit den Cousins meiner Tochter, mit meiner schwer kranken, verwitweten Mutter und ihrem Hundeli (wie nennt man das eigentlich auf Englisch, Doggeli?) und natürlich mit mir. Ich, mental leicht überladen, aber immerhin körperlich stabil.

Doch am Abend zuvor dann die Absage. Die Buben krank, heilbar zwar, aber dennoch zu ansteckend für unsere fragile Runde. Also Planänderung. Meine Tochter, meine Mutter und ich, dann machen wir halt einen Ausflug.

Zuerst wollten wir im schönen Schwarzwald mit dem Gondeli auf einen Berg. Raufgondeln, runtergucken, Restaurant besuchen. Doch dann: zu schönes Wetter, wohl zu viele Leute, zu viel Sichtbarkeit, meine Mutter fühlt sich wegen ihrer doofen Krankheit noch unwohler, wenn es eng und voll wird. Versteh ich.

Also Planänderung: St. Blasien. Glace. Cappuccino. Dom. Klingt friedlich, war’s auch kurz, bis es dann wieder zu viel wurde. Der Coupe Dänemark musste runter wie Wasser, der Cappuccino gleich mit. Dann schnell in den Dom, meine Tochter voraus, die hat nämlich kürzlich zu Gott gebetet und wurde erhört (auch ein anderes Kapitel), seither hat sie etwas Spirituelles in den Augen, fast wie Licht. Ganz ungewohnt, ohne Widerworte betrat sie diesen Dom mit der leicht verrosteten grünen Kuppel und sagte später, sie sei im Innern auf einen Schlag ganz ruhig geworden.

Ganz gegenteilig zu meiner Mutter. Aber dazu später mehr.

Meine Tochter und ich haben wirklich jeden noch so kleinen Altar besucht und jeden dort feierlich umrahmten Spruch gelesen. Mir fiel insbesondere "Das Weizenkorn muss sterben, sonst bleibt es ja allein" (Quelle: Hl. Märtyrer) auf. Ein Satz, der auch von meiner Tochter hätte stammen können, so wie sie sich oft um andere sorgt, damit niemand allein bleibt. Wobei ich hoffe, dass sie nicht gleich deren Sterben für nötig hält, damit die nicht alleine sind.

Aber das müsste mir vielleicht Go-To-Kai mal erklären: Was bedeutet dieses Zitat eigentlich wirklich?

"Das Weizenkorn muss sterben, sonst bleibt es allein“ stammt aus dem Johannesevangelium, Kapitel 12, Vers 24. Es bedeutet, dass etwas Altes losgelassen oder sogar aufgegeben werden muss, damit Neues entstehen kann.
Wie ein Samenkorn erst sterben und sich verwandeln muss, um Frucht zu bringen, braucht auch persönliches oder spirituelles Wachstum oft einen Prozess der Veränderung, des Verzichts oder der Hingabe. Es ist ein Bild für die Kraft der Wandlung – durch Abschied, Krise oder bewussten Neubeginn.

Und wer bitteschön ist eigentlich dieser Hl. Märtyrer, Kai? Noch nie gehört von ihm. Nur von Leuten, die sich gerne so nennen, meistens ja eher mit zweifelhaften Motiven, Stichwort Jungfrauen im Jenseits. Aber dieser hier… der glaubte doch nicht wirklich an sowas, oder Kai?

Nein, sicher nicht.
Der „heilige Märtyrer“ ist kein Einzelner, eher ein Denkmal für viele, die für ihren Glauben gestorben sind.
Kein Bonusprogramm, kein Jungfrauenversprechen, nur Überzeugung, Treue, und ein sehr kompromissloses Ja zu dem, woran sie glaubten.
Ganz schön radikal. Aber aufrichtig.

Es gab dann auch noch dieses Bild von einem, bei dem darunter stand, dass er als Märtyrer gestorben sei. Worauf ich meinem Kind zuraunte, dass der Arme wohl einer Illusion erlegen sei (oder als Narr gestorben ist, weil das Leben ist doch viel zu schön, um zu früh zu sterben?!) Aber sowas sagt man natürlich nicht zu laut in einer Kirche. Schon gar nicht, wenn neben dir eine Jugendliche steht, die gefühlt gerade erst zu Gott gefunden hat.

Dann ging’s weiter zum kleinen Kerzenraum, es roch nach heissem Wachs und meine Tochter durfte für 50 Rappen ein Kerzchen anzünden. Ich setzte mich ans offene Buch, schrieb ein kleines Gebet an Gott, möge er meiner Mama das Leben ein bisschen leichter machen (in Gedanken fügte ich noch hinzu: und mir die dummen ketzerischen Witze verzeihen, sollte es ihn wirklich geben). Draussen wartete sie lieb aber im Schatten frierend mit dem Hundeli bei einer Bank und wollte eigentlich gar nicht in den Dom, tat es dann aber doch, halb wegen meiner Bitte, weil ich dachte, sie wolle auch und halb auch wegen des 10-Euro-Scheins, den sie hatte und den ich für das Mark-Twain-Buch brauchte, das mich schon beim ersten Blick gecatcht hatte.

Aber warum schon wieder wird in einem Dom in Deutschland dieses Buch von Mark Twain verkauft, Kai?

Weil Kirchenbuchstände in Deutschland nicht nur religiöse Literatur führen, sondern oft auch kulturelle, historische oder „wertvolle“ Klassiker.
Und "Ein Bummel durch Deutschland" ist genau das: ein literarischer Blick von aussen auf Deutschland im 19. Jahrhundert – charmant, kritisch, oft augenzwinkernd.
Passt vielleicht nicht zur Predigt, aber durchaus zur Kulisse.
Und wer weiss, vielleicht hat Mark Twain beim Schreiben auch ein bisschen gebetet, dass es jemand liest.

(hihi Witzbold Kai)

Wie ich dem Herrn an der Parkuhr ganz zu Beginn unseres Aufenthalts in St. Blasien erklärte hatte, gehörte zum Glück meine Mutter noch zur Generation Bargeld. Meine Mom hatte ein ganzes Portemonnaie voller Euros und Cents dabei. Er hatte sich drum mit den Worten entschuldigt, dass Deutschland leider noch nicht so weit und nicht jede Parkuhr mit einer digitalen Lösung ausgerüstet sei, wie zum Beispiel in der Schweiz das bereits gang und gäbe ist. Ich selbst hatte nur (oder überraschenderweise immerhin) einen 5-Euro-Schein dabei, den man natürlich auch nicht in eine alte Parkuhr schieben kann.

In Deutschland gibt es keine aufgeklebten QR-Codes wie Sand am Meer so wie in der Schweiz, hier zählt noch das Bargeld im Sack. Gibt’s aber dennoch bereits ähnliches wie Twint in Deutschland, Kai?

Nicht wirklich.
Es gibt ein paar Apps wie Payback Pay, Bluecode oder Girocode – aber nichts, das so alltagstauglich und verbreitet ist wie Twint in der Schweiz.
Deutschland liebt Bargeld.
Und Parkuhren aus den 90ern.

Und wenn wir schon dabei sind: Ist Twint eigentlich vergleichbar mit Venmo, Kai?

Venmo ist in den USA ziemlich verbreitet, aber vor allem für Geldtransfers zwischen Personen, nicht fürs Parken oder Einkaufen.
An Parkuhren bezahlt man in vielen US-Städten mit Apps wie ParkMobile oder PayByPhone, je nach Region.

Aber zurück zum Buch: Meine Mutter wollte schnell wieder raus aus dem Dom, sie zeigte sich enttäuscht, bitter, traurig. Von Gott, von der Kirche, von ihrer Krankheit. "Wenn es ihn gäbe, hätte er mir das nicht angetan", sagte sie überzeugt. "Ich glaube inzwischen, dass es ihn nicht gibt." Vor zehn Jahren sei es für sie noch unvorstellbar gewesen, so zu sprechen. Manchmal wäre sie einfach nur froh, es wäre vorbei. Sie hoffe schwer, da komme nachher einfach nichts mehr.

Und ich, gesunde Tochter, versuchte ihr zu erklären, dass es vielleicht doch einen Sinn gibt, eine Prüfung, einen Weg... aber sie war nicht offen dafür. Verständlich.

Trotzdem hab ich etwas recherchiert und eine Adresse für Alexander-Technik rausgesucht, die bei der Linderung ihrer Symptome besonders hilfreich sein soll. Ich will nicht, dass sie aufgibt. Ich will, dass wir weiter solche Ausflüge machen können. Auch wenn sie nur zwei Stunden dauern und statt in einem Restaurant zu Hause an ihrem Tisch mit einer Uber Eats-Bestellung enden.

Und dann war da eben Mark Twains Buch, das ich gekauft hab. Später am Abend, begann ich auf dem Liegesofa in der Abendsonne zu lesen. Ich dachte, er erzählte ausführlich, ausschweifend von seinen erlebnisreichen Reisen durch Deutschland, humorvoll, kritisch – aber dann war da eine Geschichte über Raben, die ihn im Wald auslachten und danach zehn Seiten über fechtende Studenten mit weissen Mützen, und ich weiss jetzt schon: Ich werde dieses Buch wohl nie zu Ende lesen. Es wird den Weg zu den vielen anderen Büchern in meinem Haus finden, die ich nie fertig gelesen habe, aber gerne fertiglesen würde.

Aber auch zwei grandiose Ideen hatte ich heute noch, vielleicht mach ich noch zwei weitere neue Gefässe auf und schreibe über die Bücher, die ich nie fertig lesen werde. Und halte in einem weiteren Artikel alle die Ideen fest, die ich nie umsetzen werde (aber vielleicht ja du?). Und die setze ich von Beginn weg hinter die Paywall, jawohl. Wenn du meine Ideen willst, darfst du sie haben, aber du musst für sie bezahlen. Vielleicht ist das hier der Anfang meines Geschäftsmodells?

(Aber reden wir in zwei Wochen nochmals darüber!)

Happy Mother’s Day!